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Wintersweiler - Grabhügel

Der Vorher-Hügel
Heimat- und Keramikmuseum Kandern, ohne Inv.-Nr.
Die Ausgrabung 1924
Heimat- und Keramikmuseum Kandern, ohne Inv.-Nr.
Die Ausgrabung 1924
Heimat- und Keramikmuseum Kandern, ohne Inv.-Nr.
Pracht-Keramik, das Original
Das Kegelhalsgefäß. Foto: Museum in der ‘Alten Schule’ / Verena Alborino.
Der Grabungsbericht
Artikel aus der "Badischen Presse". Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, Orstakten Freiburg, Wintersweiler.
Ähnlich ...
... aber nicht gleich: Kegelhalsgefäß aus Buchheim bei Freiburg. Bild: Ernst Wagner, Fundstätten und Funde aus vorgeschichtlicher, römischer und alamannisch-fränkischer Zeit im Großherzogtum Baden. Teil 1: Das badische Oberland (1908), S. 216, Fig. 142.
Die Nachbildung entsteht
Foto: Bettina Kocak, Goldgrubenkeramik.
Die Nachbildung entsteht
Foto: Bettina Kocak, Goldgrubenkeramik.
Die Nachbildung entsteht
Foto: Bettina Kocak, Goldgrubenkeramik.
Pracht-Keramik, die Nachbildung
Foto: Bettina Kocak, Goldgrubenkeramik.
Trinkschälchen, Nachbildungen
Foto: Museum in der ‘Alten Schule’ / Maren Siegmann. Schälchen: Goldgrubenkeramik / Bettina Kocak.
Fibel, Nachbildung
Import aus Italien? Möglicherweise sah die Fibel so oder so ähnlich aus. Foto: Museum in der ‘Alten Schule’ / Maren Siegmann. Fibel: Noricum Replikate / Stefan Jaroschinski.
Grabhügel ausgestellt
Die Ausgrabung 1924 war Thema einer Sonderausstellung 2009/2010. Plakat: Museum in der "Alten Schule" Efringen-Kirchen / Maren Siegmann.
Eisen !
Gefunden bei Steinenstadt: Eisenbarren des 2./1. Jahrhunderts v. Chr. Museum in der "Alten Schule’, Inv.-Nr. 1990/0081.
Auf dem Britzgyberg
Der Britzgyberg bei Illfurth (F) ist der nächstgelegene "Fürstensitz". Foto: Maren Siegmann.

Beschreibung

Auf der höchsten Kuppe des Katzenberges fallen dem Fortspraktikanten Barth 1897 mehrere seltsame große Erdbuckel auf. Vielleicht Hügelgräber? Barth meldet seinen Fund, und ja, es sind Grabhügel. Ein Vierteljahrhundert später - 1924 - wird in Kandern gesammelt. Der Heimatverein und das Museum Kandern möchten den größten dieser Hügel ausgraben lassen.

Man hatte (heimlich) auf Gold gehofft, auf einen Fürsten. Dergleichen fand sich nicht. Kein Gold, fast kein Metall. Auch keine Menschenknochen. Statt dessen Keramik. Wunderschön und von Expertenhand gemacht. Hergestellt, benutzt, vergraben zwischen 625 und 550 v. Chr.

 

800 Goldmark, viele Arbeiter, eine Woche

Das Projekt ist vor allem eine Herzensangelegenheit des Kanderner Museumsleiters: Kunstmaler Hermann Daur aus Ötlingen. “Die Fundstücke aus diesen Ausgrabungen möchten wir dem Heimatmuseum Kandern einverleibt wissen, als derjenigen Sammlung, die dem Fundort am nächsten liegt.” Natürlich soll etwas gutes dabei herauskommen: “Ausserordentlich wichtig ist es jedoch, dass die Arbeiten unter sachkundiger Leitung vorgenommen werden. Wir gestatten uns deshalb an das hohe Ministerium die ergebenste Bitte zu richten, uns Herrn Professor Dr. Rott als Leiter der Ausgrabungen für etwas acht Tage zur Verfügung stellen zu wollen.” Den Direktor des Landesmuseums in Karlsruhe höchstpersönlich ... Daur ist sehr angesehen im Ministerium. Seinem Gesuch wird stattgegeben.

Prof. Rott kommt mit Dr. Homburger aus Karlsruhe. Anfangs leiten Rott (24.03.-02.04.), dann Homburger (bis 8.4.) die Ausgrabung. Man beschäftigt bis zu 18 Arbeiter - gleichzeitig soll sorgfältig gearbeitet werden. Anfang April wird der Altertumsverein nervös - das Geld geht aus.

Ein Durchmesser von 40 m, und noch drei Meter hoch. Der Hügel war einer der größten in ganz Baden. Die Hoffnungen waren groß: ein Fürst, in einer großen Grabkammer, mit Goldschmuck und einem metallbeschlagenen Prachtwagen?

Solche Gräber gibt es (oder besser, gab es) in größerer Zahl, auch aus dem Breisgau. Auch bei uns: der Lisbühl bei Saint-Louis/Blotzheim, auf der anderen Rheinseite, ursprünglich 55 m Durchmesser. Der Hügel lag direkt am Ende einer Start-/Landebahn des Euro-Airport, noch fast 5 m hoch. Sowas macht Piloten nervös: 1973 grub man den Hügel aus und trug ihn ab. Mehrfach zuvor hatten sich schon Leute durch den Hügel gegraben, Archäologen 1924 und 1884, Revoluzzer in den 1790er-Jahren und Plünderer schon in prähistorischer Zeit. Das Zentralgrab des Hügels war zerstört. Immerhin: Reste eines Wagens und Pferdegeschirr zeigten, daß der oder die Tote zur obersten Gesellschaftschicht gehört hatten.


Kein Gold, viele Steine

Je VIP desto Monsterhügel. Faustregel, funktioniert oft. Die Umkehrung - je Monsterhügel desto VIP - funktioniert deutlich seltener. In unserem Fall: kein Gold. Ein winziger Bronzerest. Keramik. Steine.

 

Wie entsteht eigentlich ein Grabhügel / Hügelgrab? 
Eine angesehene Person stirbt. Für sein/ihr Grab wird dann eine große Grube ausgehoben und ggf. mit Holz ausgekleidet, oder aber man zimmert ebenerdig eine Holzkammer. Dort hinein kommt der/die Tote (oder seine/ihre Asche), mit allem, was den Hinterbliebenen, der Trauergemeinde, den Bestattenden wichtig scheint. Mobiliar, Textilien, Leckereien und Getränk, samt Geschirr, zum Beispiel. Die Kammer wird verschlossen. Zum Schutz können dann Steine draufgehäuft werden (oder nicht). Dann: irgendwo ausreichend viel Erdreich abgegraben, hergebracht und aufgeschüttet. In der Erde unseres Hügels fanden sich steinzeitliche Feuersteinwerkzeuge - diese sind wohl mit der Erde drumherum hier angekommen. Dem Hügel eine hübsche Form gegeben. Fertig. Vielleicht um den Hügelfuß noch Steine herumgeschüttet, vielleicht eine Steinstele oben dauf gestellt. Eine Stele hatte es in Wintersweiler gegeben, war aber schon vor 1897 vom Bürgermeister zerspalten und verbaut worden ... Evtl. liegt noch zerschlagenes Geschirr der Totenfeierlichkeiten herum, oder Opfergaben an die Götter: eine Grube in den Hügel geschaufelt, und pietätvoll hinein damit.

Oft bleibt die Person im Zentralgrab in der Mitte des Hügels nicht allein. "Nachbestattungen" nennen Archäologen das - für später Verstorbene gräbt man Grabgruben von oben in die Hügelschüttung hinein. Das können richtig viele Gräber sein, diese liegen dann im Kreis um das Zentralgrab herum. Auch gerne gemacht: über eine Nachbestattung neues Erdreich häufen und aus einem kleineren einen größeren Grabhügel zaubern. Ein einzelner Grabhügel kann Bestattungsplatz für eine ganze Gruppe von Menschen sein. Und: auch zwischen den Hügeln ist mit Gräbern zu rechnen. Diese sind oft fast ohne Beigaben und meist schwer zu finden.

 

Zentralgrab. Sollte in der Mitte des Hügels liegen. Gibt es in Wintersweiler nicht. Statt dessen: auf der ursprünglichen Geländeoberfläche ein Pflaster (3,00 x 1,50 m) aus kleinen Steinen, darunter eine Schicht verkohltes Holz. Einen Haufen aus rundlichen großen Steinen, ca. 1,51 x 1,60 m groß, ca. 1,20 m in den Hügel eingetieft. Ebenfalls eingetieft (2,40 m): die Funde.  Scherben von fünf Keramikgefäßen und das Fragment (Spirale) einer einfachen Bronzefibel. Außerdem: "Da und dort Reste von grauem und braunem, völlig schmucklosen Tongeschirr", "Viele Brandspuren", Feuersteinwerkzeuge, "Sonstige vergangene Reste".

Es ist für alle Archäologen ein Ärgernis: weder hier noch in vielen anderen Hügeln in unserer Region fand man Reste des/der Bestatteten. Keine Knochen, kein Leichenbrand. Ob es am Bestattungsritus liegt, an der Beschaffenheit des Bodens, an der Grabungsmethode (Ausgrabung im 19. bzw. frühen 20. Jh., zu viele Leute zu unerfahren mit zu grobem Werkzeug)? In Wintersweiler jedenfalls wäre ein (vergangenes) Stoffsäckchen mit zwei oder drei handvoll Leichenbrand darin ziemlich sicher unentdeckt geblieben.


Das Scherbennest - Keramik wunderschön und kunstvoll

"Deutlich waren zu erkennen das spiralförmige Kopfstück einer einfachen bronzenen Fibel, die Reste von zwei kleinen, dünnwandigen graphitierten Schalen, einem Topf von violettrot gefärbter Innenseite und von einer Urne." Die Beschreibung in der Badischen Presse vom 20. Mai 1924 ist die ausführlichste Beschreibung der Funde, die wir haben.

Die Funde wandern zuerst nach Karlsruhe - sie werden gereinigt, die "Urne" wird geklebt und restauriert. Dann - der Kleber wohl noch etwas feucht - im Zug zurück nach Kandern. Denn: Hermann Daur und der Altertumsverein planen eine Ausstellung, dort sollen die neuen Funde präsentiert werden. Eröffnung 18. Mai 1924.

Sind auch die anderen Fundstücke in Kandern angekommen, oder in Karlsruhe geblieben? Wissen wir nicht - sie sind verschollen.

"Urne" ist eine Funktionsbezeichnung - ein Gefäß, in dem die Asche eines verbrannten Leichnams beigesetzt wird. Kein Leichenbrand im Topf - keine Urne. ´Unser´ Gefäß nennt sich korrekt Kegelhalsgefäß, und Alb-Hegau-Ware. Hört sich langweilig an, ist aber wunderschön und von Expertenhand gemacht. Diese Gefäße sind in Wulsttechnik aufgebaut (Drehscheibe gibt´s bei uns noch nicht), sehr dünnwandig und sehr aufwendig verziert. Die Naturfarbe des verwendeten Tons, dazu rote Engobe, schwarz glitzernde Flächen mit Graphit-Auftrag, und weiß leuchtende Kalk-Inkrustationen und den Ritzlinien und Kerbschnitt-Dekoren. Elegant geschwungene Form. Sehr kleiner Standfuß. Alb-Hegau-Kegelhals-Gefäße kommen im Hauptverbreitungsgebiet (Schwäbische Alb und Hegau) und darüber hinaus (Breisgau und Elsaß) meist als Teil eines Service daher - in Design und Verzierung passende halbrunde Schalen und/oder stufig geformte Anrichte-Teller verschiedener Größen. Keine Dubletten - jedes Teil eines Service ist ein bischen anders als die anderen. Die Schalen sind so geformt, daß sie umgestülpt als Deckel für das Kegelhalsgefäß funktionieren. Gibt man etwas Flüssigkeit auf den Schulterumbruch und stülpt die Schale dann erst drauf, ist das ganze Ameisensicher. Und: es ist ein Gärverschluß. Sehr oft - wohl auch in Wintersweiler - lagen kleine mit Graphit überzogene Schälchen im Kegelhalsgefäß. Zum Schöpfen bzw. Trinken. Met könnte darin gewesen, oder Bier. Auch der kleine Standfuß ist durchdacht: hier können sich Schwebstoffe absetzen, und man hat nicht dauernd Krümel im Mund.

Ob der "Topf" mit dem violettroten Inneren Eßbares enthalten hatte? Manche Speisen lassen sich sogar heute noch nachweisen, durch nicht vergangene Knochen (Spanferkel), als absolute Glücksfälle (´Keltenkringel´ und ´Keltenritschert´) oder durch Rückstände in den Poren von Tongefäßen.


Bronzefibel - Funktionsschmuck scheinbar unscheinbar

´Fibel´ kommt von lateinisch ´fibula´ und ist zuglich Sicherheitsnadel und Brosche. Ein Kleidungsverschluß, der auch schön und schmückend ist. Und modisch veränderlich - jede Generation trägt andere Formen. Deswegen lieben Archäologen Fibeln - sie helfen, Gräber zu datieren.

Das "spiralförmige Kopfstück einer einfachen bronzenen Fibel". Wie bei der Sicherheitsnadel sorgt die Spirale für die Federung, so daß die Nadel sicher in der Halterung einrastet. Und eingerastet bleibt. Fibeln tauchen mitten in der Hallstattzeit als Innovation neu auf - die ersten Fibeln wurden in Italien gefertigt. Import-Schmuck. Sofort explodiert bei den einheimischen Metallhandwerkern die Kreativität. Neue Formen, neue Konstruktionen werden ausprobiert; ´einfach´ ist ihnen sehr schnell zu einfach. Es spricht viel dafür, daß ´unser´ verschollenes Fragment entweder italienischer Herkunft war, oder eines der frühesten einheimischen Stücke.


Keramik + Bronze = Eisenzeit

´Unsere´ Funde gehören in die sogenannte Hallstattzeit (800-480/450 v. Chr., benannt nach Funden aus einem Salzbergwerk in Österreich und dem zugehörigen Gräberfeld). In die Erde gekommen wohl zwischen 625 und 550 vor Christus.

Eisen ist DAS neue Material in der Hallstattzeit. Eisen zu verhütten und Eisen zu verarbeiten ist (noch) keine Allerwelts-Kompetenz. Das Markgräflerland ist (bzw. war) reich an verschiedenen Eisenerzen. Spätestens ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. werden diese ausgebeutet, allerspätestens in römischer Zeit rauchen und fauchen um Liel und Hertingen, um Egringen und Blansingen die Rennöfen. Hallstattzeitliche Eisenverarbeitung fand bei Bad Krozingen-Schlatt statt (div. Schlacken und Verarbeitungs-Reste in der Hügelschüttung des "Hittebuck" über einer Oberschichts-Dame). 

 

(Text: Museum in der ‘Alten Schule’ / Dr. Maren Siegmann / 2025)