Station: [08] Ferdinand Kobell und die Zeitutopie

  • Römermuseum Homburg-Schwarzenacker

Die vier an der nächsten Wand folgenden Bilder sind von Ferdinand Kobell, der nicht zur Pfalz-Zweibrücker Malergruppe gerechnet wird.

Aber seine Bilder hingen einst auch in der Zweibrücker Residenz und auf Schloss Karlsberg. Der 1740 in Mannheim geborene Ferdinand Kobell wurde nach abgeschlossenem Jurastudium 1760 Hofkammersekretär in der Mannheimer Residenz von Kurfürst Karl Theodor. Auch er war Freund und Förderer der Künste. Ein gutes Bild ist besser als ein guter Beamter. So erlaubte er seinem Beamten und talentierten Landschaftsmaler zu studieren, zunächst an der Akademie in Mannheim, später dann von 1768 bis 1770 auf Kosten des Landesherrn in Paris. 1771 wurde Ferdinand Kobell zum Kabinetts-Landschaftsmaler am Mannheimer Hof ernannt. Die beiden auf Eichenholz gemalten Landschaften mit Hirten und Rindern an einem Fluss, bzw. unter Bäumen sind 1783 und 1785 entstanden. Deutlich verraten die Gemälde ihre Vorbilder: Die Kunst der holländischen Landschafter des 17. Jahrhunderts, u.a. Aert van der Neer und Ruisdael. Die Bäume waren für Ferdinand Kobell das wichtigste Landschaftselement. Was er in der Natur vor Ort mit dem Zeichenstift naturnah fixierte, wurde im Atelier zu einer Landschaft im Stile der holländischen Landschaftsmalerei neu zusammenkomponiert. Von dieser Kombination aus naturnaher Fixierung des Einzelnen und freier Komposition zum Naturganzen, dem Umbauen zum Kunstwerk, war auch Goethe fasziniert. Ferdinand Kobell sagte über sein Lieblingsmotiv: “Ich betrachte die Bäume als die Seele der Landschaft, wenigstens als den schönsten Teil dieser Natur.“ Auch die „Abendlandschaft“, die in Gesamtschaffen relativ chronologisch um 1775 bis 1780 eingeordnet wird, ist von diesem Geiste beseelt. Dabei verknüpft sie Klassizismus mit einer romantischen Gesinnung.

Dem Geschmack seiner Zeit entsprechend malte Ferdinand Kobell heroische und ideale Landschaften. Ein kleines Gemälde soll unsere Aufmerksamkeit auf sich lenken. Die ebenfalls um 1775 bis 1780 entstandene „Ideale Landschaft mit Viehherde“ zeigt im Vorder- und Bildmittelgrund in warmen Farbtönen ein Pastoralmotiv, dem im Hintergrund in kalten Tönen eine mediterrane antike Stadtkulisse entgegengestellt wir. Das Bild mutet wie eine italienische Landschaft an. Italienischen Boden aber betrat Ferdinand Kobell nie, wohl aber in Gedanken, in der Welt der Ideen und Bilder. Dabei gelingt ihm des Ins- Bild-Setzen einer großen Idee der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts: Die Zeitutopie. Ihre Projektionsfläche ist die Zukunft, ihr Ziel ist der ideale Mensch, dem die Aufgabe zukommen soll, eine neue Gesellschaft aufzubauen.

Die kontrastierenden literarischen Pole des 18. Jahrhunderts, Vernunft und Sensibilität, fanden auch Eingang in die Malerei. Christoph Martin Wielands Roman „Geschichte des Agathon“ (1766/67) war einst der deutschsprachige Bildungsroman. Wieland stellt darin der vernunftlosen Tugendschwärmerei des Bürgertums und dem höfischen Machtgedanken die Ideale der Aufklärung entgegen, die von Erfahrung, Sinnlichkeit und Geselligkeit geprägt sind. Mit seinem 1772 erschienen Roman „Der Goldene Spiegel“ lieferte Wieland ein herausragendes Beispiel spätaufklärerischer Utopie-Literatur. Als alternatives Modell zu einem utopischen Königreich blendet er den Bericht einer idyllischen Utopie ein mit der Schilderung fröhlicher Hirten und Bauern, die in Eintracht, natürlicher Einfalt und Zufriedenheit ein kleines und überschaubares Land in den Bergen bewohnen. Sozusagen als Kinder der Natur kommen sie ohne Staatsoberhaupt aus, da die natürlichen Lebensregeln und das sogenannte Naturrecht, denen sie gehorchen, jeder von Menschen konstruierten Verfassung überlegen sind. Wieland aber weiß, dass dieses Rousseau'sehe Naturvölkchen, diese Kinder der Natur eine Randerscheinung bleiben. Dieses Wissen ist bezeichnend für die aufgeklärte Form der Utopie. Die Vorstellung eines idyllischen Ideals bleibt erhalten als Erinnerung an eine alte Sehnsucht. -Zurück nach vorn.- Im Vordergrund, im warmen Licht, verschafft Ferdinand Kobell den geselligen und fröhlichen Hirten mit ihrer Herde ein Podium inmitten der Natur. Gegenbild und Gegenüber, thematisiert in einer „idealen Landschaft“.