Station: [08] Gitarren

  • Inv. Nr. 0275
  • Inv. Nr. 2028

Hörbeispiel: Titel 20 der CD: "Musik aus dem Musikinstrumenten-Museum Markneukirchen" Ferdinando Carulli (1770-1841) Largo D-Dur op. 34 für 2 Gitarren gespielt vom Folkwang Gitarrenduo Volker Niehusmann und Karsten Linck

Sie erhalten diese CD für 15,00 € im Tourismusbüro (Museumskasse) im Gerber-Hans-Haus.


Wenn man die Geschichte der Gitarre von der Antike bis in die Gegenwart verfolgt, so wird die historische Entwicklungslinie stets fragwürdig sein. Beschränkt man sich allerdings nur auf den europäischen Raum, so können Frühformen bereits im 13. Jahrhundert in Spanien nachgewiesen werden, die sich dort aus der “Guitarra Latina” bzw. “Guitarra Morisca” entwickelt haben. Diese gehen wiederum zum Teil auf die arabische Laute zurück, die im Jahre 711 nach Spanien kam. Einige bauliche Details wie, z. B. Querriegel, Schalloch, Innenkonstruktion, wurden für die damalige Gitarrenform übernommen. Verfolgt man die Entwicklungsgeschichte des Instruments hier in Europa, dann müßte man eine Vielzahl weiterer Formen nennen: Vihuela in Spanien, Chitarra battente in Italien und die deutsche Quinterra. Spanien war hinsichtlich der Entwicklung der Konzertgitarre führend.

Aber auch in Deutschland gab es im weiteren Sinne ein Geburtsjahr der heutigen Konzertgitarre. Herzogin Anna Amalia von Weimar führte 1788 ein “neues italienisches Instrument”, wie es irrtümlich hieß, ein. Es war zunächst noch fünfsaitig. Der Weimarer Lautenbauer Jakob August Otto fügte die tiefe E-Saite hinzu und somit war 1788 in Deutschland die Urform der Gitarre, was Besaitung und Stimmung betrifft, entstanden. Bezüglich Bauart und Konstruktion musste sich das Instrument allerdings noch vielen Veränderungen im Verlauf der nächsten zwei Jahrzehnte unterwerfen. Zu erwähnen ist hierbei der Spanier Antonio de Torres (1817-1892), der als Hauptbegründer der neuen spanischen Bauweise gilt und dessen Modell bis heute bei den Herstellern als wegweisend gilt.

 

Der Ton der Gitarre (Klangstärke und Klangfarbe) wird weitestgehend von der äußeren Form, von verarbeiteten Holzarten, Holzstärke, inneren Bauteilen sowie von der Form und Platzierung der Schalllöcher geprägt. Die Decke als wichtigstes Resonanzteil wird meist aus Fichte, Fichtenfurnier oder Zedernholz gefertigt. Andere Holzarten sind eher selten. Die Decke ist meistens gerade, selten gewölbt oder mit Hohlkehle am Rand versehen. Beim Boden - mehr oder weniger gewölbt - und der Zarge kommen Massivhölzer, wie Ahorn, Mahagoni, Palisander, Nussbaum u. ä., teilweise auch furniert, zum Einsatz. Ein wichtiger Faktor für den guten Klang der Gitarre besteht in der Anordnung der Leisten. Sie dienen zum einen der Festigung, zum

anderen der Eindämmung der Eigenschwingungen als auch der Angleichung der Schallausbreitung (besonders bei Massivholz). Man unterscheidet Quer- und Strahlenleisten, die unterschiedlich angeordnet sind und aus Fichte hergestellt werden. Natürlich beeinflussen auch andere Teile der Gitarre, wie z.B. Hals, Steg und Mechanik den Ton.

Nach ihren Umrissformen unterscheidet man heute im Wesentlichen zwei Modelle:

1. Spanisches Modell:

flacher Mittelbug (Einbuchtung der Zargen), “flachere Kurven”, Oberbreite betont schmaler als Unterbreite, höhere Zargen, flache Wölbung des Bodens

2. Wiener Modell:

tieferer Mittelbug (spitzer eingezogene Taille), mehr “runde Kurven”, niedrigere Zargen, stärkere Wölbung des Bodens.

Es gibt noch eine weitere Reihe von Sonderformen, wie z.B. die zwölfsaitige Gitarre, Russische Gitarre (7-saitig) oder die Bassgitarre. Nicht zu vergessen Lyra-, Füllhorn- und Wappengitarre, wobei letztere aber nur Modeerscheinungen vergangener Tage waren.

Alle diese Formen und Arten sind in unserem Museum zu bewundern. Die Hälfte der ca. 60 Gitarren (meist europäischer Herkunft) sind in der Ausstellung zu sehen. Ein Großteil dieser Instrumente stammt aus dem vergangenen Jahrhundert. Einige hervorragende Meister seien hier kurz erwähnt:

Augustin Claudot (1776-1843), Mirecourt

Santino Larazza (1718?-1780?), Mailand

Andreas Engleder (1810-nach 1860), München

Johann Georg Stauffer (1778-1853), Wien

Johann Anton Stauffer (ca.1805-nach 1851).

Zur Gitarre Inv. Nr. 275

Formal ist die hier gezeigte Gitarre ein charakteristisches Wiener Modell mit stark eingezogenem Mittelbug, dieses fällt aber durch ihren, im Verhältnis zur Gesamtlänge, extrem breiten Korpus auf. Die kleine Mensur von 561 mm spricht dafür, dass sie als Terzgitarre konzipiert war.

In ihrer Konstruktionsweise entspricht sie in fast allen Merkmalen der Arbeitsweise der Wiener Schule (Stegfutter?), es zeigen sich jedoch auch einige individuelle Ansätze, so hat die Decke nur drei Querleisten (2 oberhalb des Schalllochs und nur eine unterhalb), dafür ist unterhalb des Steges ein breites dünnes Futter eingeleimt, das über die gesamte Breite des Unterbuges die Decke verstärkt.

Auffällig ist die außerordentlich hohe Qualität der handwerklichen Ausführung und eine in allen Details feine geschmackliche Abstimmung. Auch die Randeinlage mit abwechselnd hell und dunkel gefärbten Holzspänen ist meisterhaft, ähnlich der im Wiener Gitarrenbau üblichen Manier, ausgeführt, hier allerdings in einer individuelleren Art mit einem breiteren dunklen Mittelspan. In der Rosette wiederholt sich dieses Muster, der Mittelspan ist hier jedoch noch etwas stärker und enthält als Zentralmotiv eine Kette aus Perlmuttlinsen und –rauten. Ähnliche Muster in Ziereinlagen waren in Italien schon im 17. Jahrhundert gebräuchlich, so gibt es unter anderem Instrumente von Antonio Stradivari, die mit Ketten aus Perlmuttfiguren verziert waren. Auch bei Stauffer-Gitarren lassen sich vergleichbare Einlagen finden, und bei vogtländischen Instrumenten finden sich immer wieder Adaptionen der alten italienischen Muster, so unter anderem auch bei  Gitarren von Christian Friedrich Goram (1790-1865) und Christian Friedrich Bauer (1821-1878) in Klingenthal bzw. Brunndöbra. Eine weitere Eigenheit ist die Form des Kopfanschäfters, der nicht wie sonst in Wien und im Vogtland üblich, spitz ausläuft, in diesem Fall ist die Spitze abgeschnitten, so dass der Zapfen die Form einer stumpfen Pyramide hat.

Leider wurde der originale Steg durch einen einfachen rechteckigen (zusätzlich/im Nachhinein noch aufgefütterten) Querriegel ersetzt, so ist ein wichtiges Detail zur Einschätzung des Instrumentes verloren gegangen. Allerdings sind immer noch Spuren der abgerundeten hinteren Kante des ursprünglichen Steges erkennbar. Diese verrät, dass der ursprüngliche Saitenhalter eine Form ähnlich der französischen Gitarren hatte. Diese Stegformen waren im Vogtland sehr beliebt und wurden in verschiedenen individuellen Varianten sehr häufig verwendet. Dieses Indiz kann als weiterer Hinweis dafür gewertet werden, dass das Instrument in Markneukirchen gefertigt worden ist. Die Vermischung verschiedener Stile, zum Beispiel der Wiener Modellformen mit Stegformen in französischer Art mit »Mustache«, sind ein charakteristisches Merkmal für den vogtländischen Gitarrenbau vom 19. bis ins 20. Jahrhundert.

Der einteilige Boden und die Zargen sind aus vermutlich vogtländischem Ahorn, und auch die schöne goldgelbe Farbe des Lackes bzw. der Beizung entspricht einem oft bei Markneukirchner Instrumenten zu beobachtendem Ideal.

In den Unterlagen des Markneukirchner Musikinstrumenten-Museums wird das Instrument als: »Guitarre, kleines Format von Heinrich Schatz aus Boston« geführt. Heinrich Anton Schatz (1806-1867) soll (wie auch C. F. Martin) einer der Markneukirchner Tischler gewesen sein, die ihr Handwerk in der Werkstatt Stauffers in Wien gelernt hatten und später auswanderten.

Das Instrument besticht durch eine besonders feine und geschmackvolle handwerkliche Ausführung, alle konstruktiven und handwerklichen Details sprechen dafür, dass die Gitarre einer vogtländischen und wahrscheinlich Markneukirchner Provinienz zuzuordnen ist. Die außergewöhnliche Qualität des Instrumentes (die nur etwas durch den nicht mehr originalen Steg verfälscht wird) zeigt eine hohe Meisterschaft, die große instrumentenbauliche Nähe zum Wiener Gitarrenbau lässt darauf schließen, dass der Erbauer der Gitarre selbst in Wien gewesen sein könnte, um sein Handwerk zu lernen bzw. dass dieser zeitweise dort gearbeitet hat.

 

Ob diese Gitarre aber wirklich von Heinrich Schatz angefertigt worden ist, kann nur gemutmaßt werden. Zu wenig ist über seine Person bekannt und leider kennen wir auch keine einzige von ihm signierte Gitarre aus der Markneukirchner Zeit. Da die handwerklichen Merkmale dieser Terzgitarre aber genau zu einem Werdegang wie dem seinen zu passen scheinen und das Instrument auch keinem anderen Markneukirchner Gitarrenmacher dieser Zeit zugeordnet werden kann, scheint die Zuschreibung durchaus plausibel. Der Zusatz »aus Bosten« betrifft wohl eher die Person Schatz und sicher nicht das Instrument.

Einer Altersbestimmung der Decke kam zu dem Ergebnis, dass das für dieselbe verwendete Fichtenholz zwischen den Jahren 1723 und 1735 gewachsen ist (Sopranseite 112 Jahre 1723-1834, Bassseite 112 Jahre 1724-1835). Das Deckenholz zeigt die besten Übereinstimmungen mit der Chronologie der Fichte aus dem Bayerischen Wald.5 (FN: 5 Es sind bis dato drei andere vogtländische Gitarren, eine aus Privatbesitz und zwei aus dem Bestand des Musikinstrumenten-Museums Markneukirchen, mit sehr ähnlichen Deckenholz bekannt: Ein Wiener Modell aus Privatbesitz sowie die Gitarren mit dem Zettel von Andreas Engleder (Inv. Nr. 2400, Vitrine 42a) und die Karl August Gläsel von 1860 (Inv. Nr. 5505 Vitrine 43)

Die Auswertung der dendrochronologischen Untersuchung und die instrumentenbaulichen Merkmale sprechen dafür, dass das Instrument um 1850 entstanden ist.


Es erklingen: Terzgitarre Inv. Nr.275 Heinrich Schatz, Boston, Mitte 19. Jh. (Vitrine 42 a) und Gitarre Inv. Nr. 2028, Österreich, um 1800 (Vitrine 42 b)