Station: [16] Hausnischen Madonna


Michi: Och, die ist ja schön. Mit diesem wallenden Gewand und der hübschen Krone auf dem Kopf. Aber nanu, da stimmt doch etwas nicht. (empört) Die Figur ist ja beschädigt. An der rechten Hand fehlen die Finger. Och, wer war das??? Hat da ein Besucher etwa nicht aufgepasst!? 

 

Madonna: Keine Sorge, Fridolin. Von unseren lieben Besucherinnen und Besuchern war das niemand. 

 

Michi: Hä, Du kannst ja auch sprechen?

 

Madonna: Ich erzähle dir mal, wie das wirklich passiert ist. Dafür müssen wir ein bisschen in die Vergangenheit reisen. Zu einem ganz bestimmten Datum: dem 1. März 1945. In Europa herrschte damals ein fürchterlicher Krieg, der Zweite Weltkrieg. Deutschland hatte diesen Krieg mehrere Jahre zuvor angezettelt. Die Sache mit dem Krieg ist nur die: Wer meint, andere angreifen zu müssen, wird selbst auch angegriffen. Und genau das passierte im März 1945. Damals warfen amerikanische Flugzeuge Bomben über unserer Stadt ab. Und Bruchsal wurde dabei fast komplett zerstört. 

 

Michi: Das ist ja eine traurige Geschichte. 

 

Madonna: Ja, das ist eine traurige Geschichte, aber es gibt daran auch etwas, das vielen Menschen damals in all der Zerstörung Mut gemacht hat. Du musst wissen, ich stand früher in einer kleinen Nische in einer Hauswand. Deshalb nennt man mich auch Hausnischen-Madonna. Das Haus wurde schwer getroffen, aber ich selbst blieb unbeschadet. Naja, bis auf die Finger. Ein Mann hat mich dann aus der Ruine geholt, gereinigt und wieder hübsch gemacht. Und jetzt stehe ich im Städtischen Museum und kann neugierigen Gespenstern meine Geschichte erzählen. 

 

Foto: © Martin Heintzen