Station: [19] Strafstuhl
M2: „Der Strafstuhl ist eine schöne Erfindung, die sich wahrscheinlich noch aus dem Mittelalter herschreibt. Er ist ein gradlehniger Armsessel, auf welchem der Delinquent vermittelst Riemen um Hals, Brust, Leib, Arme und Beine festgeschnallt wird, so daß die Circulation des Blutes stockt, was unerträgliche Schmerzen verursacht und zu Zeiten das Blut aus Nase und Ohren heraustreiben soll.“
F: So beschrieb Otto von Corvin die Anwendung des Strafstuhls. Der Mann wusste von was er schrieb, denn er bekam den Stuhl schließlich am eigenen Leib zu spüren. 1849 hatte Corvin auf der Seite der badischen Revolution gekämpft. Nach deren Scheitern musste er – als Chef des Generalstabs – nicht nur die Festung Rastatt an die preußischen Belagerer übergeben, sondern auch die Kapitulationserklärung unterzeichnen.
M: In einem Gerichtsverfahren wurde Corvin zum Tode verurteilt. Die Strafe wurde jedoch in eine zehnjährige Einzelhaft umgewandelt, Corvin kam ins Zuchthaus Bruchsal und machte dort mit dem Strafstuhl schmerzliche Bekanntschaft. Denn dieser war, wenn man so will: eine Bruchsaler Spezialität. Das hiesige Zuchthaus war das erste, das diesen Strafstuhl im Großherzogtum Baden einsetzte.
F: Über die Anwendung des Strafstuhls kann man im „Handbuch für Gefängniswesen“ aus dem Jahr 1888 nachlesen:
M2: „Der Strafstuhl (…) darf nicht länger als sechs Stunden täglich und nicht mehr als acht Tage hintereinander gegen Züchtlinge angewendet werden. Als kurzes, energisch wirkendes Strafmittel thut er gute Dienste. (…) sie läßt den Delinquenten am sprechendsten seine gänzliche Ohnmacht fühlen.“
F: Der durch die Riemen verursachte Blutstau schädigte die inneren Organe. Es kam zu Verletzungen an der Wirbelsäule. Venenthrombosen. Mitunter starben ganze Körperteile ab. Um auf dem Strafstuhl zu landen, musste man lediglich gegen die Gefängnisordnung verstoßen haben. Ein Verstoß war zum Beispiel: Unreinlichkeit. Trägheit bei der Arbeit. Zum Fensterhinaussehen. Sprechen durch die Luftheizung, Unanständiges Benehmen in Rede, Gang und Haltung oder Ruhestörung durch Husten, Klopfen oder Singen. 1911 kam der Strafstuhl in Bruchsal zum letzten Mal zum Einsatz.
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