Station: [15] Jüdische Ritualien
M: Wir wissen nicht, woher diese Objekte stammen oder wem sie gehört haben. Denn sie weisen keinerlei individuelle Merkmale auf. Unklar ist auch, wie sie in das Städtische Museum gelangt sind. Wurden sie rechtmäßig gestiftet oder den Besitzern weggenommen? Womöglich mit Gewalt?
F: Was wir wissen: Diese Objekte sind Zeugnisse jüdischen Lebens in Bruchsal. Dessen Wurzeln reichen bis weit ins Mittelalter zurück. Bereits 1344 wird in der Stadt eine Synagoge erwähnt. Im 19. Jahrhundert zählte die jüdische Gemeinde mehr als 700 Mitglieder. Diese ließen 1881 aus eigenen Mitteln an der Friedrichstraße eine neue, prächtige Synagoge erbauen. Kostenpunkt 140.000 Mark. Während der Novemberpogrome 1938 wurde das Gotteshaus niedergebrannt. Ein Augenzeuge erinnert sich:
M2: (Augenzeuge)
„Das ganze Gebäude war von den Flammen umschlossen. Die Braunhemden der SA hatten alles was sie finden konnten mitgenommen und auf einen Haufen in der Straße geworfen. 'Verbrennt die Juden! Verbrennt die Juden!' sangen sie. Nach ein paar Minuten traf die Feuerwehr ein. Sie machten aber keine Anstalten, die Synagoge zu löschen.“
F: Womöglich wurden die jüdischen Ritualien, die Sie hier in der Vitrine sehen, in jener Nacht beschädigt. Womöglich passierte es aber auch bei dem verheerenden Luftangriff am 1. März 1945. Hinten links in der Vitrine sehen Sie eine Tora-Krone, auch Rimonim genannt. Übersetzt bedeutet das: Granatapfel. In vielen Gemeinden sind an den Rimonim kleine Glöckchen befestigt. Sie erinnern in ihrer Form an Granatäpfel, daher der Name. Die Rimonim werden auf die hölzernen Stäbe gesetzt, mit denen die Tora gerollt wird.
M: Gegenüber der Tora-Krone sehen Sie eine Sabbatlampe mit einem Dochthalter in der Form eines sechsstrahligen Sterns. Im Mittelalter wurden Öllampen dieses Typs als Judenstern bezeichnet. Die Sabbatlampe stammt nicht aus der Synagoge, sondern sehr wahrscheinlich aus einem jüdischen Haushalt.
F: Am Freitagabend, dem Beginn des Sabbats, wird die Lampe von der Frau des Hauses entzündet. Der Hausherr hebt daraufhin einen Becher mit Wein und spricht den Kiddusch, den Segensspruch. Durch das Licht und den Segen wird der Sabbat eingeleitet. Die Lampen sind an der Decke angebracht, meist über dem Esstisch. Zum Anzünden werden sie heruntergelassen. Daher stammt auch der mittelalterliche Trostspruch „Steigt die Schabbatlamp herab, wenden Not und Sorg sich ab.“
Foto: © Manfred Schneider