Station: [5] Minerva oder Merkur


F: Welche römische Gottheit mag sich hinter dieser Büste wohl verbergen? Ist es der Götterbote Merkur? Oder doch Minerva? Die Göttin des Handwerks, der Weisheit und der taktischen Kriegsführung. 

 

Dialekt: Merkur oder Minerva? Ich würde sagen: Hauptsache römisch! 

 

F: Ganz so einfach wird die Sache leider nicht. Nach ihrem Fund wurde die Büste, die aus dem 2. Jahrhundert nach Christus stammt, zunächst der römischen Göttin zugeordnet. 

 

Dialekt: Also der Minerva.

 

F: Bald schon kamen jedoch Zweifel auf. Sollte bei einer römischen Göttin das Haar nicht eher gesträhnt sein? Die Büste jedoch trägt spiralförmige Locken. 

 

Dialekt: Dann ist es also doch der Götterboten Merkur!? Aber trägt der nicht eigentlich einen Helm? 

 

F: Der Helm hilft hier als Ansatzpunkt nicht weiter. Denn sowohl Minerva – als Göttin des Krieges – als auch Merkur trugen ihn als Erkennungszeichen.

 

M: Gefunden wurde die Büste 1958 in Stettfeld, knapp neun Kilometer nördlich von Bruchsal. Sie lag dort in einem alten römischen Brunnen, vergraben unter dem Schutt der Jahrhunderte. Augen, Nase und Mund sind bestoßen, die Flügel des Helms, der sogenannte Petasos, sind zum Teil abgeschlagen. Genauso wie der Nacken. 

 

Dialekt:  Doch wie landete die Büste überhaupt im Brunnen?

 

F: Sie wurde vermutlich „entsorgt“. Und zwar von den Alemannen. Im dritten Jahrhundert nach Christus wurde das römische Imperium von einer massiven Wirtschaftskrise erschüttert, die Macht des Kaisers schwand zusehends, die Heere in den Provinzen rebellierten und gleichzeitig stieg der Druck an den Grenzen. Die Alemannen drangen immer wieder und immer weiter ins römische Territorium ein. In den Jahren 259 und 260 nach Christus fiel schließlich der römische Grenzwall, der Limes.

 

Dialekt:  Minerva oder Merkur? Ich würde sagen, für beide war die Zeit abgelaufen. 


 

Foto: © Martin Heintzen