Station: [2] Tulpenbecher
F: Wir geben es zu: Auf den ersten Blick sieht er recht unscheinbar aus. Ein Becher – zusammengesetzt aus ein paar alten, rotbraunen Scherben. Was kann daran schon aufregend sein!?
M: Dieser sogenannte Tulpenbecher hat Geschichte geschrieben! Denn sein Fundort wurde Namensgeber für eine ganze Epoche. Aber der Reihe nach ...
F: Es war im Oktober 1884. Da spazierte ein gewisser August von Cohausen über den Michaelsberg ...
Dialekt: Wenn ich kurz dazwischen gehen darf! Der Michaelsberg, das muss man wissen, liegt rund vier Kilometer südlich von Bruchsal. Er ist die höchste Erhebung im westlichen Kraichgau und, wenn man so will, der Hausberg von Bruchsal. Aber jetzt wieder zurück zu August von Cohausen.
F: Dieser entdeckte bei seinem Spaziergang die Bruchstücke einiger alter Gefäße. Er schickte sie an den Karlsruher Altertumsverein mit dem Hinweis, dass die Scherben an sich wohl wertlos seien. Aber man wisse ja nie …
M: Tatsächlich entpuppten sich die Scherben als Sensation! Denn sie stammten von einer bis dahin unbekannten Kultur der Jungsteinzeit. Also von Menschen, die vor etwa 5.000 Jahren hier gelebt haben.
F: Da es die ersten Funde dieser Art waren, wurde der Entdeckungsort namensgebend für die ganze Epoche. Man spricht von der Michelsberger Kultur.
Dialekt: Kleine Anekdote. Hier in Bruchsal redet niemand vom Mich-a-elsberg. Das ist bei uns nur der Michelsberg. Und die Archäologen haben das wohl unabsichtlich übernommen. So wurde der Dialekt namensgebend für eine Epoche. Aber jetzt, psst. Weiter im Text.
F: Rund 700 Jahre hatte die Michelsberger Kultur Bestand. Charakteristisch sind ihre Keramiken, allen voran die Tulpenbecher, die in ihrer Form an den Blütenkelch einer Tulpe erinnern. Das Siedlungsgebiet der Michelsberger reichte vom Pariser Becken bis ins heutige Thüringen, und vom Niederrhein bis an den Rand der Schwäbischen Alb.
M: Rund um Bruchsal scheinen die Lebensbedingungen besonders gut gewesen zu sein. Gleich an vier Orten wurden Überbleibsel dieser neolithischen Bauern und Viehzüchter nachgewiesen. Auf dem Plateau des Michaelsbergs fand man neben Keramikscherben die Überreste einer Wallanlage sowie etwa 140 Abfallgruben.
F: Aus diesen konnten Tierknochen, Asche, gebrannter Lehm und auch einzelne Menschenknochen geborgen werden. Überreste von Häusern wurden nicht entdeckt. Das kann am dortigen Lößboden liegen, der besonders erosionsanfällig ist. Womöglich bauten diese Menschen ihre Häuser aber auch auf eine Art, die keine Spuren hinterließ. Auch sonst weiß man recht wenig über den Lebensalltag dieser Menschen.
M: So bleiben die Michelsberger vor allem eins: nach wie vor rätselhaft.
Foto: © Martin Heintzen