Station: [18] Zuchthausmodell
Dialekt: Kennen Sie das „Cafe Achteck“? Oder den „Stern von Bruchsal“? Der offizielle Name ist weit weniger klangvoll: Justizvollzugsanstalt Bruchsal.
F: 1848 wurde das Gebäude als „Neues Männerzuchthaus“ eröffnet. Es sollte einer der bekanntesten und einflussreichsten Gefängnisbauten seiner Zeit werden. Zum einen wegen des neuen Haftsystems, das man dort praktizierte, zum anderen wegen der Bauweise. Entworfen wurde die sternförmige Anlage vom badischen Baudirektor Heinrich Hübsch.
M: Strafrecht und Strafvollzug durchliefen im 19. Jahrhundert eine tiefgreifende Reform. Die alten Zucht- und Arbeitshäuser mit den großen Schlaf- und Arbeitssälen waren in Verruf geraten. Neben Preußen war Baden führend in der Reform des Strafvollzugs.
F: Die Häftlinge sollten künftig in Einzelzellen untergebracht werden und dabei keinerlei Kontakt zu Mitgefangenen oder der Außenwelt haben. In Bruchsal wollte man dieses Haftsystem erstmals anwenden. Dementsprechend brauchte es eine neue Art von Gebäude. Bereits auf die Zeitgenossen wirkte der Komplex wie eine Festung:
M: Das Gefängnis war von einer hohen Umfassungsmauer mit Zinnen und Wachtürmen umgeben. Hinter der Mauer erhob sich ein vierflügeliger Bau aus grobem, rotem Sandstein. Ein für die Bruchsaler Gegend untypisches Material. Das Zentrum der Anlage bildete ein hoher, achteckiger Turm. Zwischen den Flügeln befanden sich ursprünglich drei runde Spazierhöfe.
F: Der Innenbereich bestand konsequent aus Massivbau, lediglich die Zellentüren sowie das ursprüngliche Dachwerk waren aus Holz. Anfangs bestanden die Zellenfenster aus mattem Glas, so sollte ein Hinausschauen verhindert werden. Davon rückte man jedoch ab, da die Zellen auch als Arbeitsplatz dienten. Um die Einzelhaft konsequent umzusetzen, gab es für den Schulbesuch sowie den Gottesdienst sogenannte „stalls“ nach englischem Vorbild. Die Häftlinge saßen oder standen in kleinen hölzernen Verschlägen, die nur den Ausblick nach vorne ermöglichten.
Dialekt: In der Nacht des 5. Oktober 1871 wäre das Männerzuchthaus beinahe einem Brand zum Opfer gefallen. Der historische Bericht dazu liest sich wie ein Thriller: Dem Gefangenen Schwäble gelingt die Flucht aus seiner Zelle, er klaut die Uniform eines Aufsehers und will sich vom Gebäude abseilen. Doch er wird entdeckt! Schwäble verschanzt sich in der Anstaltskirche, er ist außer sich, tobt, randaliert. Außerdem ist er mit einem Gewehr bewaffnet. Schließlich legt er ein Feuer. Selbst ein Schuss in den Rücken sowie ein Säbelhieb können den Mann nicht stoppen. Letztendlich kann Schwäble doch überwältigt werden. Auf die Frage, was ihn zu dieser Tat getrieben habe, soll er schwer verwundet geantwortet haben: „Ach, ich war halt verblendet – ich war halt verblendet.“
Foto: © Manfred Schneider