Station: [14] Seilersbahn


M2: (schreibend, ernst)

„Als wir das erste Mal dienstlich in Anspruch genommen wurden, klopfte uns das Herz, ob unsere Nerven dabei standhielten. Es ist nicht jedem gegeben, einer solchen Aktion beizuwohnen, zumal es sich um Geschöpfe handelt, die durch ihre Not und ihre Handlung den Tod nicht verdient hätten.“

 

F: Sebastian Grundel war 40 Jahre lang Friedhofaufseher in Bruchsal. Mit seiner Familie wohnte er im 1. Stock des Leichenschauhauses, mitten auf dem Friedhofsgelände. In seinen Erinnerungen hielt Sebastian Grundel fest, was sich in den letzten beiden Kriegsjahren an der Seilersbahn ereignete, in der sogenannten Psycha, einer Einrichtung für Häftlinge mit psychischen Erkrankungen.

 

M2: (schreibend, ernst)

„Bruchsal war für viele schon früher wegen seines Zuchthauses eine berühmte und gefürchtete Stadt, doch sie sollte noch die Krone durch ihre Hinrichtungen in dieser Beziehung erhalten.“

 

F: In der Zeit des Nationalsozialismus war die Justizvollzugsanstalt Bruchsal als eine der zentralen Hinrichtungsstätten vorgesehen – neben dem Strafgefängnis München-Stadelheim sowie dem Untersuchungsgefängnis Stuttgart. Zwischen Juni 1944 und Januar 1945 wurden in Bruchsal mindestens 55 Zivilisten hingerichtet. Die Zahl der ermordeten Soldaten lässt sich nicht mehr ermitteln. 

 

M2: (schreibend, ernst)

„Je schlechter die Aussichten auf einen Sieg waren, desto härter waren die Urteile. Es durfte nur ein blutjunger Soldat zu seinem Kameraden sagen; ´Er macht nicht mehr mit, (…), schon war das Todesurteil gesprochen und es war um sein Leben geschehen.“

 

F: Hinrichtungsstätte war ein Schuppen auf dem Gelände der Psycha. Zu den ersten Opfern gehörte das Mannheimer Ehepaar Andreas und Emilie Glock. Sie wurden wegen Plünderung angeklagt und als sogenannte „Volksschädlinge“ zum Tode verurteilt.

 

M2: (schreibend, ernst)

„Wie mag es der Frau zumute gewesen sein, als an jenem Nachmittag um 15 Uhr der Staatsanwalt in der Zelle erschien und ihr sagte: (…) Machen Sie sich bereit, um 19 Uhr wird ihr Urteil vollstreckt. Wie bitterlich weinte sie, als ihr Wunsch, noch einmal mit ihrem Mann sprechen zu können, nicht erfüllt werden konnte.“

 

F: Vollstreckt wurden die Urteile jeweils mit der Guillotine. Im Drei-Minuten-Takt fiel das Fallbeil. Davon zeugen die penibel geführten Hinrichtungsprotokolle. Jeweils am Vortag erhielt Sebastian Grundel eine Liste, mit dieser musste er auf das städtische Standesamt, wo bereits die Todesurkunden ausgestellt waren.

 

M2: (schreibend, ernst)

„Zuerst kamen jeweils die von der Wehrmacht verurteilten daran, wegen Wehrkraftzersetzung, Desertation etc. und hernach die von Gericht verurteilten (…). Einmal wurden an einem Nachmittag 13 Opfer hingerichtet. Die meisten waren nervengeschüttelt und in allen möglichen Verfassungen.“

 

F: An die Schrecken von damals erinnert heute nur noch wenig. Wo früher die Psycha stand, befindet sich heute ein Park und das Bürgerzentrum der Stadt. Der Straßenname Seilersbahn ist jedoch geblieben. 

 

Foto: © Martin Heintzen